Im Zusammenhang mit Facilitation geht es oft um die Frage, was denn anders sei zu herkömmlicher Moderation. Insbesondere, weil Moderation in Englisch ebenfalls mit Facilitation bezeichnet wird. Und die Anschlussfrage, die dann meist folgt: Auf welche Weise hat Facilitation deine Perspektive auf die Arbeit mit kleinen bis sehr großen Gruppen verändert? Dazu habe ich zwei Erinnerungen.
Go with the Flow ist mehr als das Agenda-Setting
Die eine geht wie folgt: Nach intensiven und auch präzisen Vorbesprechungen samt Bestätigung des Kunden in Richtung Ergebnisoffenheit starte ich mit 24 Mitarbeitenden auf zwei riesigen Tischen mit Lego Serious Play. Wir tauchen richtig gut in den Prozess ein, alles läuft ganz gut und die Geschichten, die erzählt werden, sind sehr bedeutsam und berührend. Kurz nach dem Mittagessen realisiere ich jedoch, dass die vorbereitete Agenda nicht mehr viel Wert hat, da das Setting einfach nicht mehr stimmt. Das Setting von zwei Gruppen an je einem sehr langen Tisch, worauf Lego liegen. Einzelne bauen an einem Modell, andere reden zu zwei, zu dritt miteinander und einige starren Löcher in die Luft. Es harzt. Und es ist dies der Moment, wo dein Puls plötzlich beschleunigt, du dich mit deinen "wundervollen" Glaubenssätzen konfrontierst und nichts mehr wirklich lustig ist.
Wie weiter als Facilitator? Ich nehme das zum Anlass, kurz zu unterbrechen und etwas zu Körper und Emotionen sage und wo diese im Körper sitzen. Und dann bitte ich jede und jeden darum, einfach mit 10-12 Legosteinen seine momentane Stimmung zu bauen, so wie es sich gerade zeigen will.
Danach setzen wir uns auf in einem Kreis angeordnete Stühle und starten damit, uns die Stimmung, Gefühle, die gerade aufgekommen sind, zu erzählen. Immer wieder auch frage ich danach, wo diese Emotionen im Körper verortet sind und was sie auslösen.
Gemeinsame Prozessentwicklung - das macht Facilitation aus
Nach dieser Runde ist sehr rasch klar, dass wir nicht wie vorgesehen an zwei Tagen in und mit Lego Serious Play das besprochene Thema weiter entwickeln (deshalb verweise ich oft auch darauf, dass mit Lego Serious Play eben nicht alles möglich ist, wie das oft behauptet wird, sondern dass es da auch Grenzen gibt), sondern dass es im Kern zuerst darum geht, herauszufinden, was passiert ist und warum das so war und was das mit ihnen als Mitarbeitende und als Organisationen zu tun hat. Daraufhin haben wir eineinhalb sehr intensive und kreative Tage erlebt, in denen die wirklich wichtigen Dinge bearbeitet werden durften. Wir arbeiteten teilweise draussen in der Natur, setzten uns mit unterschiedlichen Arten der eigenen Wahrnehmung auseinander, um sehr klar zu realisieren, dass Wahrnehmung recht wenig mit Wahrheit zu tun hat, sondern damit, sich über Wahrnehmungen auszutauschen, um einen gemeinsamen Blick auf die Welt zu werfen. Also nicht Universum, sondern Multiversum, wie das Maturana einmal sehr schön umschrieb.
Hätte ich weiterhin meine Agenda„verteidigt“ und wäre dieser gefolgt, wie ich das nur zu oft selbst erlebe, so hätten wir nie das erreicht, was eben mit Facilitation, mit dieser Haltung der Offenheit erst möglich geworden ist. Gemeinsam mit den Teilnehmenden und nicht als Grossmoderator haben wir uns geöffnet und zusammen andere Wege gewählt, als jene, die auf der Agenda auch standen. Deshalb auch arbeite ich sehr oft ohne Agenda, weil sich lernen und vor allem organisationales Lernen nie an einen Zeitplan hält. Als CPF(certified professional Facilitator) verfüge ich auch über den entsprechenden Hintergrund, mit solchen Situationen gut umzugehen.
Angstfreie Organisationen brauchen Humor
Das zweite Erlebnis ist vielleicht nicht ganz typisch für Facilitation, passt aber trotzdem gut. ich habe mal in einem Training mit „heiligem Ernst“ eine Methode eingeführt und erläutert, bis ich nach fünf Minuten gemerkt habe: Uuups, ich erkläre die falsche Methode. Daraufhin musste ich lachen, richtig, richtig intensiv lachen und mit Tränen in den Augen, noch immer lächelnd erklärte ich meinen Fehler. Für mich als Facilitator ist es so wichtig, dass ich mit Fehlern umgehen kann, auch mit dieser Situation spielen kann, denn erst auf diese Weise entsteht die von Amy C. Edmondson beschriebene angstfreie Organisation. Spannend war jedoch, dass ein Teilnehmer und meine damalige Co-Trainerin es ganz schlecht fanden, dass ich a) vor allen über den Fehler lachen konnte und b) den Stab einfach weitergab an eine Person, die die Methode sehr gut kannte. Und vielleicht passt es deshalb auch, dass sie nicht mehr Co-Trainerin ist:).
Auf jeden Fall: Facilitation hat viel mit Wahrhaftigkeit zu tun, damit, auch mit Fehlern gut gehen zu können und auch damit, darüber lachen zu können - und wenn es nur darum geht, einen sicheren Raum zu schaffen.