4.9.2021

Daniel Osterwalder

Ich bin weil wir sind

Der Natur und uns auf der Spur

Der Wald entvölkert sich wieder. Endlich können wir uns wieder in Flugzeuge setzen und in ferne Länder fliehen und zum Glück können wir unsere Bikes wieder am Auto befestigen, um in den Alpen in Graubünden und im Wallis die Hänge runter zu brettern. Und so ist es still geworden im Wald, ruhig.

Zumindest nicht so, was viele darunter verstehen. Und auch, weil sich in meinem Selbstverständnis Ziele immer erst zeigen. Dann, wenn sie mich finden.

Behutsam setze ich Schritt um Schritt, denn ich liess bewusst meine Brille zuhause liegen. So bin ich dazu gezwungen, meinen anderen Sinnen Raum zu geben. Zu horchen, statt nur zu hören, vorzustellen statt zu sehen und auch aufgrund dessen, was meine Hände, mein Körper und meine Fußsohlen mir vermitteln. Und ja, es ist dunkel. Nicht wie in einem Kuhmagen, aber doch. Sehr, sehr frühe Morgendämmerung.

Behutsam weiter, weitab vom Weg, über den tagsüber Hunderte durch den Wald spazieren, marschieren, jagen, stöckeln und etwas unsinnig auch – biken. Weitab vom Weg, weil ich auf diese Weise begegnen und wahrnehmen kann, allem, was da lebt und sich mehr oder weniger verspielt einen immer wieder neuen Weg durchs Dickicht pflügt, schleicht und schlängelt. Blindschleichen. Blind wie auch ich?

Da ich mittlerweile die Schuhe ausgezogen und sie mir über die Schulter geworfen habe, spüre ich an den Fußsohlen den Tau auf den Grashalmen und die kühle Nässe des feinen Widertonmooses. Fuß um Fuß in diese Welt – in Zeit und Welt sein.

Ist es so, wie Soin in einem Haiku über den Tau schrieb?

Weißglänzender Tau!
Allzu leichtfertig legst du dich
Überall hin...

Soin hat das – ähnlich wie Basho auch – verstanden. Der Tau, der Grashalm und die Blindschleiche handeln und tun aus sich heraus. Wie Menschen auch. Und dieses Handeln kann auch leichtfertig sein, überraschend und zu hastig. Wie beim Heuschreck, von Issa in einem meisterhaften Haiku porträtiert.

Paß auf, Heuschreck
dass du mir nicht den Tau
in Scherben trampelst!

Ich tauche ein. Immer intensiver in diese Welt und bin. Bin Welt, Weltteil, Teil von. Und nicht, weil ich mich mit einer spezifischen Übung verbinde, sondern einfach, weil ich realisiere, dass »ich bin, weil wir sind«. Ubuntu! Was mal von ferne, aus Südafrika, viel Magie in mir wachrief, erhält durch die Arbeit in der Natur ein neues und klares Gesicht und auch eine Verantwortung. Dieses »ich bin weil wir sind« ruft vieles in mir wach: Wir können und dürfen die Trennung zwischen Mensch und Welt nicht mehr aufrechterhalten. Wir sind Teil davon, integraler Bestandteil dieser Welt und nichts Besonderes, Herausragendes. Und wenn, dann so herausragend wie ein Baobab oder ein eingriffliger Weißdorn, die im Wald über ihre Wurzeln und über das Myzel benachbarter Pilze den Wald als Organismus ins Leben bringen, am Leben erhalten und miteinander auf ganz unterschiedliche Weisen kommunizieren. Und auch uns einbeziehen. Nur merken wir das fast nicht. Und fragen uns dann, wenn wir nach zwei Stunden »Wald« ganz beglückt zurückkehren, woran das wohl liegt, dass es uns so gut geht. Intelligente Bäume eben, Wald!

»ich bin weil wir sind«. Eingebunden, verbunden und nicht getrennt. Oder wie Desmond Tutu in Anlehnung an Martin Buber meinte: »Ubuntu heißt, dass ich dich als Gegenüber brauche, um mich zu erkennen. Genauso wie du mich brauchst, um ganz du selbst zu werden«. Ich bin ich durch das du oder das es und dieses Es meint die Welt, das grosse Ganze, die Natur. Zwiefalt entsteht dabei, so Buber schon 1931 in seinem kleinen Büchlein »Ich und du«, denn weder das ich noch das du können alleine in sich sein. Sie werden nur und erst durch das Gegenüber sichtbar und wesentlich. Nicht im Loft, nicht im SUV und auch nicht im Weltall oder auf dem Mars, durch Technologie und besondere Schutzmassnahmen abgetrennt vom Gegenüber und der Welt.

Es wird kühler. Seit dem 1. August, dem Herbstbeginn fächert ein leiser Hauch Kühle um meine Fesseln und erinnert an den aufkommenden Herbst, den Winter, der bald folgen wird. Hoffentlich habe ich dannzumal zumindest ein Strohmäntelchen bei mir.

Erster Winterregen
Selbst der Affe hätte gerne
Ein Strohmäntelchen

Basho, den ich sehr bewundere, hat das wohl zeitlebens ganz nah erlebt, die Natur, die Jahreszeiten, das Werden und Vergehen, zog er doch, tagein, tagaus von Dorf zu Dorf, der berühmte Wanderdichter aus Japan. Und ja: Verlieren wir das »ich bin weil wir sind« aus dem Blick, dann enden wir wohl auch so:

Ah, der Wintertag!
Auf dem Pferde gefriert noch
Die Schattengestalt.

Eine der Formen, wie dies in die Welt kommt, setzen wir bei den Urbanen Dörfern um.

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