11.3.2026

Daniel Osterwalder

Ich habe rehbraune Augen

Vom Unverständnis über Männer, die noch immer nicht verstehen wollen, dass das Patriarchat nicht das Ende der Fahnenstange sein kann

Einige Männer führen in Deutschland gerade vor Augen, was es bedeutet, wenn man sich sehr explizit an alte Muster patriarchaler oder hegemonialer Männlichkeit klammert. Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit transfomativer Männlichkeit sehen anders aus. Darum geht es hier. Und um einen Retreat.

Die Bank auf diesem Foto steht an der Radstrecke Rothenfluh – Ormalingen und ich fahre fast täglich daran vorbei. Es ist ein schöner Ort des Verweilens. Beim Passieren dieser Stelle in Richtung Rothenfluh wird bei dieser Bank sichtbar, was noch an Strecke folgt. Und als Radfahrer, der selber in die Pedalen tritt und noch auf die Unterstützung einer Batterie verzichtet, bin ich immer froh, wenn ich weiss, wie sich die nächsten 10 Minuten gestalten😊.

Transformative Männlichkeit - ein Versuch

Und: 1993 – dafür steht diese Bank auch. Dafür, dass ich dannzumal zum ersten Mal Vater geworden bin. Und ich bin Vater geworden, weil es mir 12 Monate zuvor klar geworden war, dass ich in diesem Moment im Alter von 29 Jahren reif dafür bin, bereit auch für alles, was da auf mich als Mann und Vater zukommt. Und eben auch im Sinne transformativer Männlichkeit, wie sie von Markus Theunert diskutiert wird, auch bereit hinsichtlich der Verarbeitung der eigenen traumatischen Erlebnisse (physischer und psychischer Gewalt) und des klaren Verzichts auf diese Gewaltformen. Und bereit auch für die Reflektion über das eigene Handeln in Relation zu anderen mit dem Versuch, andere Perspektiven einnehmen zu können.

 

Ich bin – ziemlich verfrüht – davon ausgegangen, dass heute, mehr als 30 Jahre später sich ein bisschen etwas getan hat in Sachen reflektierter und transformativer Männlichkeit, gerade auch durch vermehrtes Engagement von Männern als Väter. Dass sich unter Männern beispielsweise ein Bewusstsein entwickelt hätte, ab wann Aussagen übergriffig sind. Und dies nicht, weil uns eine Frau darauf hinweist, sondern weil wir uns in eigener Verantwortung damit auseinandersetzen, was wir sagen und was das vor allem auch für andere bedeutet. Und dass wir als Männer vermehrt fähig sind, die Grausamkeit des Patriarchats, von dem wir mehr oder weniger nurNutzen ziehen, zu verstehen und dabei mit zu helfen, dies zu überwinden.

Patriarchat als Ende der Fahnenstange? Mitnichten

Und da sind wir bei den rehbraunen Augen angelangt. CDU-Kandidat Manuel Hagel ist auf diskriminierende Aussagen hingewiesen worden, die er 2018 gemacht hatte. In einem Interview hat er eine Schülerin auf braune Haare und rehbraune Augen reduziert. Und ist vomJournalisten auch nicht darauf hingewiesen worden, dass das übergriffig ist. Er fand das 2026 „Mist“ und verwies dann darauf, dass ihm seine Frau den Kopf gewaschen hätte. Andere Männer wie Friedrich Merz sprachen dann von Schmutzkampagne, zeigen also auch, dass sie nicht wirklich verstanden haben, was es für ein minderjähriges Mädchen bedeutet, von einem erwachsenen Mann in aller Öffentlichkeit – mit Nennung des Vornamens - auf körperliche Attribute reduziert zu werden. Und wieder andere wie der unsägliche Philosoph Richard David Precht sprechen von einer Marginalie (der erwähnten Reduktion auf körperliche Attribute eines minderjährigen Mädchens, also eine Sexualisierung durch Sprache), die da in der Presse aufgebauscht werde.

Ich und meine schönen, rehbraunen Augen

Mir ist das noch nie passiert: Ich bin noch nie auf meine schönen, rehbraunen Augen oder früher noch, meine feinen, braunen Haare oder meinen Po angesprochen oder darauf reduziert worden. Und deshalb habe ich diese Erfahrungen des Übergriffs mittels Sprache, dieses täglichen Übergriffs nie machen müssen. Ich kann mir jedoch trotzdem vorstellen, was es bedeuten kann, tagtäglich auf körperliche Attribute reduziert zu werden und ich stelle mir immer wieder auch die Frage, was meine Aussagen beim Gegenüber auslösen, weil ich davon ausgehen darf, einerseitsnicht immer verstanden zu werden und andererseits auch, dass es durchaus seinkann, dass meine Aussagen beim Gegenüber keine einfachen Gefühle auslösen können. Und damit sind wir bei einer erwachsenen, transformativen Kommunikation angelangt. Einer Kommunikation, die nicht ich Mann definiere vor dem Hintergrund meiner männlichen Erfahrungen, sondern reflektierend vor dem Hintergrund einer großen Vielfalt möglicher Erfahrungen unterschiedlicher Geschlechtlichkeiten beispielsweise.

Wenn ich spätabends unterwegs bin und mir auf einsamer Strasse drei Frauen entgegenkommen, dann macht das nicht viel mit mir. Ich fühle weder Angst aufsteigen, noch Gefahr. Ich bin, wie wir heute so schön sagen ventral-vagal entlastet, in Ruhe und fühle mich vollumfänglich sicher. Und trotzdem kann ich abstrahieren, kann ich mir vorstellen, dass dieselbe Situation jedoch mit umgekehrten Vorzeichen sprich eine Frau, der drei Männer entgegenkommen, spätabends auf einsamer Strasse, für diese Frau nie und nimmer sich einfach ventral-vagal entlastet anfühlt, und sie sich sicher und wohl fühlt. Und weil ich differenzieren und andere Perspektiven einnehmen kann, kann ich auch mein Verhalten aus dieser Richtung her anpassen und als Mann die Strassenseite wechseln und signalisieren: Ich sehe die Perspektive, von mir geht keine Gefahr aus. Das hat nichts mit Zwängen von Feminismus und anderem zu tun, sondern einfach mit der Fähigkeit transforsmativer Männlichkeit, sich die Welt auch aus Sicht von anderen Menschen vorstellen zu können und entsprechend zu handeln. So dass Sicherheit und Integrität für alle Menschen denselben Wert haben.

Väter und Söhne - Männerretreat

Und genau darum begleiten Klemens Brysch und ich Väter und Söhne entlang von Übergängen von der Jugend in Richtung Erwachsenenwelt – vor dem Hintergrund vielfältiger möglicher Erfahrungen mit dem Ziel, reflektierend und verantwortungsvoll auch kritisch auf das eigene Handeln zu achten. Und sich damit auseinander zu setzen, verschiedene Perspektiven als Möglichkeiten zu erkunden, die hilfreich sein können für das eigene Leben. Und um auch zu lernen, sich kritisch mit sich selber, der eigenen Sprache und dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen für eine Welt für alle, eine inklusive Welt, die allen offen steht und nicht nur wenigen.

Hier findest du weitere Informationen.

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