20.8.2026

Daniel Osterwalder

Neue Vaterschaft und Männlichkeit

Eine kleine Gedankenreise 33 Jahre in die Vergangenheit

Vor genau 33 Jahren wurde ich Vater. Auch, weil ich es mir zutraute, Vater zu sein und weil ich mich aktiv damit auseinandersetzte, ob ich tatsächlich reif dafür war. Reif auch, um die Verantwortung zu je 50% zu übernehmen, zu betreuen, zu haushalten und noch ein bisschen Erwerbsarbeit zu leisten.

Eine andere Geschichte von Männlichkeit  beginnt eventuell an einem erstaunlich unspektakulären Ort: im Sandkasten. Ein Mann sitzt zwischen Förmchen, Schaufeln und halb zerfallenen Burgen. Er hat Zeit. Oder genauer: Er nimmt sich Zeit. Neben ihm spielt sein Kind. Vielleicht braucht es ihn gerade, vielleicht auch nicht. Er ist anwesend, ohne ständig etwas tun zu müssen. Und möglicherweise liegt genau darin mehr Veränderung, als auf den ersten Blick sichtbar wird. Und es entsteht ein anderes Bild von Mann und Vater, als wir es oft gewohnt sind.UmCare, wie es Ina Praetorius und Uta Meier-Gräwe vor einigen Jahren nannte, zielte genau darauf ab: Das über veränderte Bedeutung der Sorgearbeit nicht nur die Betreuung anders betrachtet wird, sondern die Wirtschaft auch revolutioniert werden kann.

Gängige Sichtweisen

Die Bilder, die Männern heute zu Männlichkeit angeboten werden, erscheinen mir zunehmend als eng, teilweise irritierend und auch verstörend.  Auf der einen Seite erleben wir die erstaunliche Rückkehr eines Männerbildes, das sich über Stärke, Dominanz, Kontrolle, Gewalt, Durchsetzungsfähigkeit und Herabsetzung respektive Unterwerfung anderer definiert. Alphamänner und die Manosphere versprechen jungen Männern Orientierung durch Eindeutigkeit: Werde stark, werde unabhängig, setze dich durch, gewinne explizit dadurch, dass du andere Männer und vor allem Frauen herabsetzt. Männer wie Andrew Tate oder Jordan Peterson treiben dieses Bild bis hin zur Karikatur. Schwierig genug, dabei nicht zu übersehen, dass solche Angebote offenbar eine Sehnsucht vieler Männer beantwortet.

Auf der anderen Seite begegnet Männern ein ganz anderes Erwartungsfeld. Sie sollen ihre Privilegien reflektieren und auf diese bewusst verzichten, die eigenen Emotionen verstehen, emotional zugänglich werden, Care übernehmen, gleichberechtigt leben, ihre Verletzlichkeit zulassen und traditionelle Männlichkeitsbilder überwinden. Auch dieses Bild baut auf einer Sehnsucht, jener beispielsweise von Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung. Ich halte vieles von letzterem für notwendig und elementar für eine neue Verständigung.

Und doch brauchen wir vielleicht eine andere Bewegung: Statt Korsett hier und Anforderungen da einen Raum des Dürfens? An dieser Stelle beginnt für mich permissive Männlichkeit. Permissiv bedeutet nicht beliebig, grenzenlos oder verantwortungslos. Es bedeutet, durchlässig zu werden, ohne die eigene Kontur zu verlieren. Ein Mann darf kraftvoll und verletzlich sein, ehrgeizig und fürsorglich, autonom und angewiesen, entschieden und zweifelnd. Er darf führen und sich führen lassen. Er muss seine Männlichkeit weder durch Dominanz beweisen noch dadurch, dass er alles vermeidet, was einmal als traditionell männlich galt. Und er soll seine Privilegien natürlich auch in Frage stellen und seine eigene Sicht darauf kritisch hinterfragen. Denn Privilegien gilt es nicht nur zu hinterfragen, sondern schlicht abzubauen. Ein Mann versteht sich in einer Suchbewegung. Einer Bewegung, die er nicht einfach selber definiert, sondern im intensiven Austausch mit allen, um auf diese Weise Lebensweisen zu entdecken, die lebensförderlich sind, nicht ausgrenzen. Und so fragt die Idee der Permissivität vielmehr: Was darf ein Mann alles sein, wenn er nicht mehr fortwährend beweisen muss, dass er ein richtiger Mann ist?

Erweiterung der Sichtweisen

Ist diese Erweiterung sinnvoll? Ich glaube ja, denn zwischen der Verteidigung alter Männlichkeit, wie wir es in der sogenannten Männerverherrlichenden Manosphere erleben und der Forderung nach einem neuen Mann bleibt erstaunlich wenig Raum für Männer, ihr eigenes Menschsein zu erkunden.Markus Theunerts Idee einer transformativen Männlichkeit weist für mich in eine wichtige Richtung: Männlichkeit kann sich verändern, ohne dass Männer sich selbst abwerten müssen. Klaus Theweleits Bilder der Panzerung wiederum erinnern daran, was geschehen kann, wenn männliche Identität ihre Stabilität vor allem durch Abgrenzung und Abwehr gewinnt. Und Andreas Kruses Gedanken über Verletzlichkeit, Sorge, Generativität und Reife eröffnen eine weitere Möglichkeit: Entwicklung könnte gerade darin bestehen, durchlässiger zu werden und zwar auch gegenüber sich selber. Und damit ist permissive Männlichkeit keine neue Antwort auf die alte Frage, wie ein richtiger Mann zu sein hat, sondern öffnet einen Möglichkeitsraum, der erkundet werden darf mit der folgenden Fragestellung: Was darf durch mich möglich werden, wenn ich nicht mehr beweisen muss, welche Art Mann ich bin?

Diese Frage ist für mich keine theoretische. Wenn ich heute über permissive Männlichkeit nachdenke, denke ich zwangsläufig auch über mein eigenes Leben nach: Darüber, wann ich selbst damit begonnen habe, Vorstellungen von Männlichkeit infrage zu stellen. Darüber, was Gewalt und Gewaltfreiheit damit zu tun haben. Darüber, warum Sorge, Care, Verantwortung und Macht und das Begleiten und das Loslassen in meinem Leben relevant sind, gerade auch für mich als Vater und als Mann.

Permissive Vaterschaft - konkret

Mit dieser Frage lande ich fast zwangsläufig bei derVaterschaft und meinen ganz eigenen Gedanken darüber. Vor genau 33 Jahren, am 20.August 1993 bin ich Vater geworden. Nur begann diese Geschichte von Vaterschaft sehr viel früher. Zum Beispiel zum Zeitpunkt, als ich mich gezwungenermassen mit Gewalt auseinandersetzen musste, weil ich sie am eigenen Körper und Geist erfuhr. Womit auch die Reflexion darüber begann, was man darf und was man nicht darf. Und eben die Reflexion über das eigene Handeln, darüber, ob ich eine eigene Handlung goutierte oder nicht. Und die Reflexion darüber, welche Wirkungen das eigene Handeln hat und warum es wichtig ist, darüber nachzudenken.

Möglicherweise begann die Geschichte rund um Vaterschaft auch damals, als sich ein Junge meiner Klasse unbedingt mit mir schlagen wollte, weil ich im Unterricht zu sehr herumgealbert hatte. Wir waren beide etwa elf Jahre alt und er forderte mich mit «Schlägerei! Nach der Schule» zumBoxkampf auf. Also boxte ich ein wenig mit. Nach zwei oder drei Minuten hatte ich genug, weil ich das irgendwie auch doof fand. Ich nahm seine Hand, hob sie in die Höhe und sagte: «Du hast gewonnen.» Er schrie begeistert «Sieg, Sieg»,seine Freunde umringten ihn, während ich allein nach Hause ging, traurig und irritiert zugleich.

Möglicherweise habe ich damals jedoch genau das getan, wofür ich erst sehr viel später eine Sprache gefunden habe. Ich war aus einem Spiel ausgestiegen, dessen Regeln ich nicht akzeptierte, dessen Regeln mir auch fremd vorkamen, dessen Regeln ich nicht als förderlich empfand für gutes Zusammenwirken. Nicht, indem ich den anderen besiegte, sondern indem ich aus dem Spiel ausstieg.

Wenn ich heute über neue Vaterschaft / Niudad und über Männlichkeit nachdenke, scheint mir diese kleine Geschichte bedeutsamer, als ich lange dachte. Denn vielleicht beginnt eine andere Form von Männlichkeit und Vaterschaft genau dort: Bei der Freiheit, ein Spiel nicht mitspielen zu müssen, nur weil andere Männer behaupten, dass ein Mann es spielen müsse.

Als ich mit dreissig Vater wurde, hatte ich mich schon einige Jahre im Voraus intensiv mit Vaterschaft beschäftigt. Ich wollte wissen, was es bedeutet, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Und vermutlich wollte ich auch verstehen, was ich aus meiner eigenen Geschichte weitertragen und was ich mit mir beenden wollte. Und noch wichtiger: Ich habe tief in mir gespürt:  Jetzt bin ich bereit dazu, Vater zu sein, und dies mit der ganzen Verantwortung an Care, die dazugehörte.

Für mich war früh klar, dass Vaterschaft nicht darin bestehen konnte, meine Kinder nach meinem Bild zu formen. Ich wollte sie begleiten, damit sie zu eigenständigen Persönlichkeiten werden konnten, die ihren je eigenen Weg gehen würden, den ich lange unterstützte, da wo diese Unterstützung angebracht war und wo ich auch loslassen konnte, wo es an der Zeit war. Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Aber es enthält einen Widerspruch, der mich bis heute beschäftigt: Kinder brauchen Führung, damit sie eines Tages keine Führung mehr brauchen. Und dies wiederum öffnet den Raum dafür, darüber nachzudenken, wann Führung nicht notwendig ist. Gerade auch im Organisations- und Unternehmenskontext. Darüber werde ich jedoch im folgenden Blog schreiben.

Entscheiden lernen

Ein kleines Kind kann nicht alles selbst entscheiden. Es kann die Tragweite vieler Entscheidungen noch gar nicht überblicken. Deshalb bedeutet Vater sein auch entscheiden. Aber zwischen autoritärem Entscheiden und einem Kind alles zu überlassen, liegt ein grosser Raum. Darum ging es mir: Wie öffne ich diesen Raum und wie schaffe ich es, diesen Raum bespielbar zu gestalten, altersgerecht, kindgerecht?

Beim Schuhkauf beispielsweise stellte ich meinen kleinen Kindern nicht das gesamte Geschäft zur Verfügung und sagte: Entscheide selbst. Das wäre keine Freiheit gewesen, sondern totale Überforderung, wie ich sie rundum uns auch erlebte. Nein, ich suchte zwei oder drei geeignete Paar Schuhe aus und fragte: Welche möchtest du? Sie probierten und sie entschieden. Und dann hatten sie noch ausreichend Zeit dafür, die wunderbare Rutschbahn im Schuhgeschäft auszuprobieren, während ich bezahlte. Später erweiterten wir diesen Raum. Aus zwei Möglichkeiten wurden drei, aus drei wurden viele. Aus kleinen Entscheidungen wurden grössere. Irgendwann brauchten sie meine Vorauswahl nicht mehr. Und heute gehen sie wie ich auch in einen Laden, sehen relativ rasch die zwei, drei Paar Schuhe, die sie probieren wollen, testen diese, entscheiden sich und verlassen nach 3-4Minuten den Laden.

Vielleicht beschreibt diese unscheinbare Szene ziemlich genau, was ich heute unter permissiver Vaterschaft verstehe. Permissiv bedeutet nicht, einem Kind alles zu erlauben. Es bedeutet gerade nicht Laissez-faire. Es bedeutet, Kindern einen sicheren Raum zu halten, in dem sie lernen, mehr und mehr Verantwortung zu übernehmen, Gefahren einzuschätzen und Entscheidungen treffen zu können. Wenn ich als Vater zu Beginn entscheide, dann ist diese Macht geliehen, denn sie hat eine Richtung: Sie soll sich selbst überflüssig machen.

Vielleicht liegt darin ein fundamentales Kriterium einer neuen Vaterschaft: Macht wird nicht eingesetzt, um Abhängigkeit zu erhalten, sondern ist das Vehikel, um Autonomie zu ermöglichen. Das verändert auch das Verständnis von Autorität. Autorität muss nicht bedeuten: Ich weiss es besser, weil ich dein Vater bin. Sie kann bedeuten: Im Augenblick kann ich etwas überblicken, das du noch nicht überblicken kannst. Deshalb übernehme ich Verantwortung. Aber ich weiss gleichzeitig, dass meine Aufgabe darin besteht, dir diese Verantwortung nach und nach zu übergeben. Vaterschaft wird dann zur Bewegung vom Entscheiden hin zum Ermöglichen.

Männer im Sandkasten

Und damit verändert sich auch das Verständnis von Männlichkeit. Wie schaffen wir Räume des Ermöglichens für uns und für andere? Über viele Jahre habe ich als Vater die Betreuung unserer Kinder, die Hausarbeit (Kinder Küche Klo – die berühmten drei K) und die Erwerbsarbeit ungefähr hälftig geteilt. Ich war nicht der Vater, der «mithalf».Ich war zuständig. Ich kannte den Alltag mit Kindern nicht nur aus den besonderen Momenten oder dem schrecklichen Papi-Tag, sondern aus seiner Wiederholung und der Monotonie: Essen, Anziehen, Einkaufen, Termine, Müdigkeit, Spielen, Trösten, Organisieren, Warten. Also alles, was den mental load so richtig in Richtung Überforderung dreht, das ganze Programm! Oder ganz einfach: «Wir sind immer für sie da - 24/7.»

Es bedeutete, zuständig zu sein. Zeit zu haben. Alltag zuteilen. Verantwortung nicht erst dann zu übernehmen, wenn sie delegiert wurde. Und es bedeutete, dass Kinder nicht am Rand meines Männerlebens vorkamen, sondern mittendrin. Wenn meine damaligen Kollegen an meinen Arbeitstagen beim Feierabend auf ein Bier gingen, fuhr ich nach Hause, die Kinder zu übernehmen, weil meine Partnerin ein Meeting hatte.

Möglicherweise lässt sich erst im Rückblick erkennen, wie sehr eine solche Erfahrung auch das eigene Verständnis von Männlichkeit verändert. Denn der Sandkasten ist ein eigenartiger Non-lieu de Mémoire patriarchaler Männlichkeit, wenn ich mich da bei der Terminologie von Pierre Nora mal eben bediene. Also ein Unort, wenn wir diesen Ort mit Orten traditionellen Männererfolgs vergleichen. Dort gibt es wenig zu gewinnen. Niemand wird befördert. Effizienz hilft kaum weiter. Ein zweijähriges Kind interessiert sich nicht dafür, wie produktiv sein Vater heute war. Es verlangt Präsenz. Es braucht manchmal Schutz, manchmal Trost, manchmal eine Hand und erstaunlich oft einfach jemanden, der da ist. Und sehr, sehr oft jemanden, der einfach präsent ist, der nicht dirigiert und sagt, was jetzt gerade gemacht werden muss. Der Mann im Sandkasten ist für mich keine romantische Figur des modernen Vaters. Er verkörpert etwas Grundsätzlicheres. Er hat Care nicht an jemand anderen delegiert. Er ist da, hat die Verantwortung für Care übernommen.

Andreas Kruse – Generativität und Verletzlichkeit im Alter

Genau deshalb finde ich die Überlegungen von Andreas Kruse zu Verletzlichkeit, Generativität, Sorge und Reife für junge Väter so interessant. Kruse entwickelt diese Gedanken vor allem mit Blick auf das Alter. Doch möglicherweise werden junge Väter mit einigen dieser grundlegenden menschlichen Erfahrungen sehr viel früher konfrontiert. Ein Kind bringt Verletzlichkeit, Generativität und Sorge geradezu körperlich in das Leben eines Mannes. Und es fordert von ihm eine Form von Durchlässigkeit, die sich nur begrenzt planen lässt. Im Sandkasten gelten andere Regeln als in vielen männlich geprägten Leistungswelten. Geschwindigkeit bringt wenig. Hierarchie hilft kaum. Ein kleines Kind interessiert sich nicht für den beruflichen Status seines Vaters. Manchmal besteht die Aufgabe darin, etwas zu tun. Manchmal darin, eine Grenze zu setzen. Und erstaunlich oft besteht sie darin, nichts zu tun und einfach anwesend zu bleiben. Möglicherweise ist das eine der anspruchsvollsten Aufgaben von Vätern überhaupt. Das, was Kruse im Älterwerden beschreibt, beginnt für einen Mann schon mit der Geburt eines Kindes, denn ein Kind macht verletzlich. Plötzlich existiert ein Mensch, dessen Wohlergehen einem unendlich wichtig ist und über dessen Leben man trotzdem nicht verfügen kann. Man kann schützen, aber nicht vor allem. Man kann begleiten, aber nicht jedenWeg mitgehen. Man kann Erfahrungen weitergeben, aber nicht verhindern, dass ein Kind eigene Erfahrungen macht. Und man kann lieben, ohne daraus ein Recht auf Erwiderung ableiten zu können. Generativität bedeutet für mich in der Vaterschaft nicht einfach, etwas an die nächste Generation weiterzugeben. Sie bedeutet, etwas zu geben, damit ein anderer Mensch daraus etwas Eigenes machen kann.

Denn wir geben unseren Kindern zwangsläufig etwas mit. Unsere Werte, unsere Ängste, unsere Begeisterung, unsere Geschichte, unsere Art zu lieben und zu streiten. Selbst wenn wir uns vornehmen, nichts aufzudrängen, wirken wir. Kinder beobachten, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Wie wir mit Macht umgehen. Wie wir verlieren. Wie wir auf ein Nein reagieren. Ob wir uns entschuldigen können. Ob wir helfen. Ob wir Hilfe annehmen. Wie wir mit Frauen zusammen leben und uns austauschen. Wie wir über andere Männer und Frauen sprechen.

Ich gebe dir nicht, damit du wirst wie ich

Ich gebe dir, damit du werden kannst, wer du bist. Damit verbindet sich Vaterschaft für mich mit Permissivität. Ein permissiver Vater schafft Möglichkeitsräume. Er setzt Grenzen, wo Grenzen notwendig sind, und öffnet sie, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Er schützt, ohne einzuschliessen. Er zeigt Wege, ohne das Ziel festzulegen. Er sagt, was er denkt, und weiss gleichzeitig, dass sein Kind anders denken darf.

Vielleicht ist dies eine Gegenbewegung zu manchen gegenwärtig wieder attraktiven Vorstellungen von Männlichkeit. Der Alphamann muss seine Position behaupten. Der permissive Vater dagegen weiss, dass gelingende Vaterschaft gerade darin besteht, Position abzugeben. Und das ist keine Schwäche, denn es braucht möglicherweise mehr innere Stabilität, einen Menschen freizugeben, als ihn an sich zu binden.

Vaterschaft hat mir dabei noch etwas beigebracht, dass schwerer auszuhalten ist. Wenn wir unsere Kinder tatsächlich zur Eigenständigkeit begleiten, können wir nicht bestimmen, welche Entscheidungen sie später mit dieser Eigenständigkeit treffen. Ihre Freiheit ist nur dann Freiheit, wenn sie nicht davon abhängt, dass uns ihre Entscheidungen gefallen. Und für sie ist es eben eine Frage danach, ob sie sich frei von etwas oder frei zu etwas verhalten. Im ersten Fall lösen sie alle Bande, im zweiten Fall gehen sie intensiv in die Verantwortung, stehen zu ihrem Entscheid und erläutern diesen aus der inneren Kraft heraus. Das kann weh tun. Vielleicht sogar sehr. Und auch auf beide Seiten hin.

Nicht jede Geschichte endet als glückliche Geschichte

Es gibt im Leben Beziehungen, in denen wir irgendwann erfahren, dass Liebe und Verfügung zwei vollkommen verschiedene Dinge sind. Vaterschaft gehört für mich dazu. Ich kann einem Menschen sehr verbunden sein und dennoch vollkommen anerkennen, dass sein Leben ihm gehört. Sogar bis hin zum totalen Kontaktabbruch, wie das eben auch passieren kann. Vielleicht ist dies die radikalste Konsequenz permissiver Vaterschaft. Am Anfang halte ich zwei Paar Schuhe hin und sage: Du darfst wählen. Dann werden die Möglichkeiten grösser. Und irgendwann stehe ich nicht mehr daneben oder in diesem anderen Leben.

So besteht Vaterschaft dann darin, auszuhalten, dass ein Mensch, den man über viele Jahre begleitet, beschützt, getröstet, gefördert und geliebt hat, tatsächlich das geworden ist, worauf alles einmal hinauslief: ein eigenständiger Mensch. Das ist nicht immer eine glückliche Geschichte. Eigenständigkeit garantiert keine Nähe. Liebe garantiert keine Übereinstimmung. Und eine gemeinsam verbrachte Vergangenheit gibt niemandem ein Anrecht auf eine bestimmte Zukunft. Aber vielleicht wäre es ein Widerspruch, Kinder ein Leben lang zur Freiheit zu ermutigen und ihre Freiheit nur dort anzuerkennen, wo sie uns nicht verletzt.

Vor 33 Jahren bin ich Vater geworden. Vielleicht verstehe ich erst heute vollständig, wie gross diese Aufgabe ist. Nicht einen Menschen hervorzubringen, der mir folgt. Sondern einen Menschen so lange zu begleiten, bis er seinen eigenen Weg gehen kann. Und ihn als seinen Weg anzuerkennen und loszulassen. Glück auf!


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